„Wissen ist irreversibel, es kann sich nicht ins Dunkel einer süßen Unwissenheit zurückziehen.“[1]
Die vorliegende Magisterarbeit beschäftigt sich mit sogenannten „antinationalsozialistischen Dystopien“. Es handelt sich hierbei um literarische Utopien, welche auf der Prämisse beruhen, das Dritte Reich unter Adolf Hitler habe den Zweiten Weltkrieg als siegreiche Nation für sich entscheiden können.
Bei der politischen Ideengeschichte handelt es sich nicht lediglich um eine Literaturgeschichte politischer Theorien, sondern stets auch um die Darstellung in der Gesellschaft existenter Einstellungen und Überzeugungen. Die Wechselwirkung zwischen den beiden Bereichen der politischer Theorie und Ideengeschichte ist offensichtlich: Politische Theorie und Philosophie diskutierten stets, mit den gesellschaftlichen Organisationsformen ihres Zeitalters konfrontiert, die Bedingungen eines guten und gerechten oder doch zumindest optimal funktionierenden Gemeinwesens. Dies geschah teils apologetisch, indem sie diese politischen Strukturen und Hierarchien als faktisch gegeben oder doch tendenziell gerecht, teils jedoch kritisch, indem sie sie als Hindernisse einer ausgewogenen Gesellschaftsordnung betrachteten. Daraus resultiert, dass erst die Analyse der Spannung zwischen dem in der Theorie intendierten Gesellschaftsmodell und der gesellschaftlichen und politischen Realität einer Epoche den historischen und dogmengeschichtlichen Stellenwert von Politischer Theorie und ihrer Schlüsselbegriffe zeigt.[2]
Das Lesen und Deuten von literarischen Utopien, aber auch das Entwickeln oder Negieren von Utopien stellt einen integralen Bestandteil der Politischen Theorie dar, sind es doch gerade Autoren wie Morus, Bacon oder Campanella, die sich mit dem der Frage von optimalen Staatsentwürfen beschäftigen. Im Zuge eines Utopie-Diskurses sind auch die Warn-Utopien des 20. Jahrhunderts zu nennen: Sie portraitieren das Misslingen utopischer Idealstaatsplanungen mit teils drastischen Konsequenzen. Die Forschungsliteratur hat sich bisher sehr auf die drei großen Autoren dieser schwarzen Utopien, Jewgenij Samjatin, Aldous Huxley und George Orwell, fokussiert. Besonders Orwells „1984“ gilt als idealtypische Negativ-Utopie. Jenseits der bekannten und zweifellos sehr populären dystopischen[3] Romane existieren jedoch zahlreiche weitere Negativ-Utopien. Das Subgenre der antinationalsozialistischen Dystopien gehört in diese bisher nur nicht hinreichend rezipierte und erforschte Gruppe.
Es ist daher eines der Anliegen der vorliegenden Arbeit, diesen speziellen Utopientyp anhand von sechs Beispielen näher vorzustellen: Es handelt sich um „Nacht der braunen Schatten“ von Katharine Burdekin, „Das Orakel vom Berge“ von Philip K. Dick, „Hörnerschall“ von John William Wall, „Wenn das der Führer wüsste“ von Otto Basil, „SS-GB“ von Len Deighton und Richard Harris’ „Vaterland“. Die Primärliteratur deckt dabei, was die Erscheinungsjahre betrifft, einen erstaunlich großen Zeitraum ab – „Nacht der braunen Schatten“ erschien im Jahre 1937, wohingegen „Vaterland“ aus dem Jahre 1992 stammt.
Der Kulturwissenschaftler Stephan Meyer vertritt in seinem umfassenden Werk über die anti-utopische Tradition die These, dass sich durch anti-utopische Romane viel über Theorie und Praxis des Totalitarismus erfahren lässt. Diese konstruierten Idealtypen möglicher totalitärer Gesellschaften, die aus den historischen Erfahrungen und zur Zeit ihrer Niederschrift aktuellen Problemfeldern ableitbar waren.[4]
In seiner Untersuchung zu dem Problemfeld Totalitarismus und Dystopie hält sich allerdings auch Meyer eng an den bekannten Literaturkanon von Negativ-Utopien. Antinationalsozialistische Dystopien finden in seine Analyse keinen Eingang.
Die Hauptfrage, der diese Magisterarbeit nachgeht, lautet, ob die Herrschaftsstrukturen, welche in der vorliegenden Primärliteratur geschildert werden, als totalitär bezeichnet werden können. Um aufzeigen zu können, dass totalitäre Strukturen innerhalb der antinationalsozialistischen Dystopien existieren, bedarf es eines Untersuchungsmodells.
Mit dem Begriff des Totalitarismus, dessen Ursprung auf italienische Kritiker des Faschismus zurückgeht, beschäftigten sich im 20. Jahrhundert zahlreiche Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen. Eines der bis heute einflussreichsten Totalitarismusmodelle stammt von dem Politikwissenschaftler Carl Joachim Friedrich, welches er 1956 zusammen mit seinem Kollegen Zbigniew Brzezinski in seinem Standardwerk „Totalitarian Dictatorship and Autocracy“ darlegte. Friedrich entwickelte einen – in der Forschung viel diskutierten – Merkmals-Katalog mit der Intention, gemeinsame Kennzeichen von totalitären Systemen heraus zu arbeiten.
Nach einer eingehenderen Betrachtung der Romaninhalte der Primärliteratur wird eine Einordnung dieser in den Totalitarismusmerkmals-Katalog Friedrichs erfolgen. Dies geschieht durch eine gewissenhafte inhaltliche Analyse der narrativen Texte auf Übereinstimmungen mit dem jeweiligen Katalogsmerkmal hin. Nur auf diese Weise wird es möglich sein, zu bewerten, ob die portraitierten politischen Systeme der Primärliteratur einen totalitaristischen Charakter im Sinne des Modells von Friedrich aufweisen.
Sollte es allerdings zu einer grundlegenden Übereinstimmung bezüglich der Romaninhalte und des Konzepts von Friedrich kommen, kann daraus zwar der Schluss gezogen werden, dass es sich um Totalitarismen im Sinne Friedrichs handelt, jedoch ist ein weiterer Schritt, eine weitere Untersuchung und Einordnung obligat, um das spezifisch Nationalsozialistisch-Totalitäre an der Primärliteratur herauszuarbeiten – schließlich handelt es sich explizit um „antinationalsozialistische Dystopien“.
Für eine weiterführende Untersuchung soll das Modell der sogenannten „Politischen Religionen“ dienen. Das Konzept, das nahe mit der Totalitarismusforschung einhergeht, wurde von Eric Voegelin (1901 – 1985) im Jahre 1938 entwickelt und in seinem Grundlagenwerk „Die politischen Religionen“ niedergeschrieben. Er analysierte totalitäre Bewegungen als „politische Religionen“.
Der Politologe Karl-Josef Schipperges beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Konzept der Politischen Religionen. Sein Beitrag „Zur Instrumentalisierung der Religion in modernen Herrschaftssystemen“ soll als Grundlage für eine zweite Einordnung der Primärliteratur im Rahmen der vorliegenden Magisterarbeit dienen.
Eine weitere Frage, die untersucht werden soll, besteht darin, inwiefern sich die Primärliteratur mit der tatsächlichen Geschichte des Dritten Reiches auseinandersetzt. Realgeschichtliche Hintergründe bilden die Grundlage für einen dritten Untersuchungsrahmen. Das Kapitel über nationalsozialistische Architektur, welche als Ausdruck einer NS-Ideologie interpretiert und verstanden werden kann, in der Abhandlung „Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte“ des Autors Ralph Giordano wird als Vergleichsbasis dienen, auf welche Art und Weise die antinationalsozialistischen Romane mit den realgeschichtlichen Plänen der NS-„Baukunst“ umgehen, beziehungsweise wie sie diese verarbeiten.
Im ersten Kapitel wird eine historische und systematische Einordnung der literarischen politischen Utopie vorgenommen; neben einer Begriffsbestimmung wird das Kapitel sich mit dem Funktionswandel der Utopie durch die Jahrhunderte hindurch beschäftigen und mit einem Ausblick auf das Genre Science Fiction schließen. Den Schwerpunkt des Kapitels werden dabei die Anti-Utopien des 20. Jahrhunderts bilden.
Das zweite Kapitel behandelt den komplexen Begriff des Totalitarismus. Es wird die Geschichte der Totalitarismusforschung darstellen, insbesondere den Streit um die Gültigkeit beziehungsweise Verwendbarkeit des Totalitarismusmodells als solches. Natürlich wird in diesem Kapitel auch die Totalitarismustheorie von Carl Joachim Friedrich vorgestellt, welche später als Haupteinordnungs-Modell für die Primärliteratur dienen soll. Das Kapitel schließt mit Überlegungen, ob und inwiefern der militante Islamismus eine neue Form des Totalitarismus darstellt.
Die nächsten drei Kapitel beschäftigen sich ausschließlich mit den Einordnungen der antinationalsozialistischen Dystopien in die jeweiligen Untersuchungsrahmen: das Totalitarismusmodell von Friedrich, die Politischen Religionen nach Schipperges und der Vergleich mit dem Kapitel über NS-Architektur von Giordano.
Die Schlussbetrachtung wird die gewonnenen Resultate des Hauptteils pointierend zusammenfassen. Dies wird mit einer Auswertung des Stellenwertes der Arbeit für die allgemeine Forschungslage verbunden sein und mit einem Ausblick, welche offenen Fragen für weitere Arbeiten von Interesse sind, beziehungsweise welche aktuellen Problemstellungen sich aus den erzielten Erkenntnissen ergeben. Ebenfalls wird eine eigene kritische Bewertung auf der Grundlage der Darstellung im Hauptteil abgegeben.
Die Arbeit schließt mit einem Anhang. Er beinhaltet Portrait-Fotografien der Primärquellen-Autoren und die Buchumschläge der Primärliteratur.
Die Literaturlage ist, besonders was die Utopienforschung betrifft, quantitativ und qualitativ als gut einzustufen. Besonders der Politikwissenschaftler Richard Saage ist an dieser Stelle als Herausgeber zahlreicher Publikationen zum Thema Utopien zu nennen.[5] Auch der Bereich der Totalitarismusforschung ist gründlich in der Literatur aufgearbeitet. Es sei stellvertretend für die Forschungsliteratur auf den Sammelband „Totalitarismus im 20. Jahrhundert“ des Politikwissenschaftlers Eckhard Jesse hingewiesen, der einen gelungenen Überblick über die internationale Forschung bietet.[6] Leider ist der Bereich der Politischen Religionen erheblich weniger abgedeckt – die dreibändige Edition zum Thema Politische Religion des Religion- und Kulturtheoretikers Hans Maier bildet jedoch eine gute Darstellung des aktuellen Forschungsstandes.[7] Verglichen mit der umfassenden Menge an Literatur über das nationalsozialistische Deutschland zwischen den Jahren 1933 und 1945, beschränkt sich die Erforschung der Pläne der Nationalsozialisten für die Planungen der Zeit nach dem deutschen „Endsieg“ auf ein verhältnismäßig überschaubares Forschungskonglomerat. Unverzichtbar für die vorliegende Magisterarbeit war daher „Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte“ des Journalisten Ralph Giordano.[8] Die benutzte Primärliteratur, sprich der Kanon der antinationalsozialistischen Dystopien, liegt dem Verfasser dieser Arbeit in deutscher Übersetzung vor; dies war aus Gründen der Verfügbarkeit unumgänglich, die Originaltitel werden selbstverständlich im Literaturverzeichnis benannt.
[1] Stanislaw Lem: Die Stimme des Herrn. Frankfurt a. M., 1981. S. 30.
[2] Vgl.: Peter Thiery: Moderne politikwissenschaftliche Theorie. S. 209-249. In: Manfred Mols/ Hans-Joachim Lauth/ Christian Wagner (Hg.): Politikwissenschaft: Eine Einführung. Paderborn/ München/ Wien u.a., 4., aktualisierte und erweiterte Auflage, 2003. S. 209.
[3] Die Begriffe „dystopisch“ und „Dystopie“ werden in dieser Arbeit als gleichwertig beziehungsweise gleichartig wie die Begriffe „anti-utopisch“ oder „Anti-Utopie“ beziehungsweise „Negativ-Utopie“ verstanden.
[4] Stephan Meyer: Die anti-utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung. Frankfurt a. M., 2001. S. 366.
[5] Stellvertretend an dieser Stelle: Richard Saage: Utopieforschung. Eine Bilanz. Darmstadt, 1997.
[6] Eckhard Jesse (Hg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung. Bonn, 2., erweiterte Auflage, 1999.
[7] Hans Meier (Hg.): Totalitarismus und Politische Religionen. Konzepte des Diktaturvergleichs. Paderborn/ München/ Wien u.a., 1996 sowie zwei Folgebände (siehe Literaturverzeichnis).
[8] Ralph Giordano: Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg. Köln, 2. Auflage, 2002.