Lektüre beendet „Der Krieg nach dem Krieg“ (Andreas Platthaus)

„Ein Krieg nach dem Krieg: Im Winter 1918/19 schwiegen zwar formal die Waffen, aber das bedeutete keineswegs Frieden. In vielen Teilen Deutschlands brachen sich extreme politische Spannungen und soziale Not in bürgerkriegsähnlichen Unruhen Bahn. Überdies grassierte weltweit mit der Spanischen Grippe eine der schwersten Pandemien der Menschheit. Im Januar 1919 begannen unter diesen Vorzeichen in Paris die Verhandlungen über den Umgang mit den besiegten Deutschen und die politische Neuordnung in- und außerhalb Europas. Verzweifeltes, auch verbohrtes Ringen auf deutscher Seite um verlorenes Terrain, im Wort- wie im übertragenen Sinne, stieß auf eine keinesfalls stabile Allianz der Siegerstaaten, deren Agieren durch Härte, Rache, Vergeltung, Eigeninteresse, aber auch das Bemühen um eine künftige Weltordnung geprägt war. Andreas Platthaus stellt die Monate zwischen November 1918 und der Verabschiedung des Versailler Vertrags 1919 als eine Zeit der zumeist gewaltsamen und insbesondere für Deutschland nachhaltig fortwirkenden Weichenstellungen vor.“ (Quelle)

Geschichte anhand von handelnden Personen darzustellen, gehört zum narrativen Handwerk des versierten historischen Schreibers. Und genau das findet man hier.

Lektüre beendet „Fantasyland: 500 Jahre Realitätsverlust – Die Geschichte Amerikas neu erzählt“ (Kurt Andersen)

„‚Das postfaktische Zeitalter ist kein unerklärliches und verrücktes neues Phänomen. Im Gegenteil: Was wir jetzt sehen, ist nur die Spitze des Eisberges‘, schreibt Kurt Andersen in seinem aufsehenerregenden Buch Fantasyland. Der Hang zum Magischen und Fantastischen, so der preisgekrönte Kulturjournalist, ist tief in die kollektive DNA der Amerikaner eingeschrieben. Er entstand, als europäische Siedler erstmals den Boden der »Neuen Welt« betraten, im Gepäck vor allem eins: ausgeprägten Individualismus und Lebensträume und Fantasien von epischem Ausmaß. Mitreißend und eloquent erzählt Andersen vom großen amerikanischen Experiment – und warum es so spektakulär scheiterte. Wer verstehen will, wie die Grenze zwischen Realität und Illusion derart verrutschen und ein Mann wie Donald Trump es ins Weiße Haus schaffen konnte, muss dieses Buch lesen.“ (Quelle)

Nur für Hunde, nicht für Katzen – Batzen! Jawohl, die 700 Seiten sind wirklich eine ganz schön geballte Ladung Kulturpessimismus. Aber auch mit optimistischen Untertönen – wenigen zwar, aber Andersen hat die Hoffnung noch nicht komplett aufgegeben, dass seine Landsmänner und -frauen wieder aus dem Fantasyland herausfinden.

 

 

Lektüre abgeschlossen „Würde“ (Gerald Hüther)

„Würde ist ein großer Begriff. Gleich in Artikel 1 des Grundgesetzes heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Doch was genau ist Würde? Was bedeutet es, wenn uns unsere Würde genommen wird, weil wir etwa in der digitalen Welt nur noch als Datensatz zählen oder im Netz geschmäht werden? Wenn wir uns selbst würdelos verhalten oder andere entwürdigen? Der Hirnforscher Gerald Hüther zeigt in seinem neuen Buch, dass Würde nicht allein ein ethisch-philosophisch begründetes Menschenrecht ist, sondern ein neurobiologisch fundierter innerer Kompass, der uns in die Lage versetzt, uns in der Vielfalt der äußeren Anforderungen und Zwänge in der hochkomplexen Welt nicht zu verlieren. Umso wichtiger ist es, dass wir lernen, die Wahrnehmung der eigenen Würde zu stärken. Denn: Wer sich seiner Würde bewusst ist, ist nicht verführbar.“ (Quelle)

Die Befähigung des Einzelnen, sich mit dessen Hilfe zum Subjekt des eigenen Lebens zu machen – das scheint Würde für Hüther zu bedeuten. Was alles dazugehört und was es wiederum ausschließt…scheint…etwas weich zu sein. Im Grunde verstehe ich seine Deutung als Menschsein ist speziell. Er ist sich seiner Subjekthaftigkeit bewusst und daraus ergeben sich Rechte und Pflichten. Wohin die „gelebte Würde“ oder „Würde in der Praxis“ jedoch zielen soll…nun, das lässt der Hirnforscher etwas (weit, zu weit) offen.

Lektüre beendet „Moral und Politik“ (Michael J. Sandel)

„Auf welche Weise können moralische Aspekte Einfluss auf die praktische Politik nehmen? Wie wertneutral dürfen sich Staat, Recht und Gesetz verhalten? Diese Fragen bilden den Hintergrund für Michael J. Sandels kluge Betrachtungen zu gesellschaftlichen Streitpunkten – etwa zu den Themen Sterbehilfe, Abtreibung, Homosexuellenrechte oder Stammzellforschung. Auch die moralischen Herausforderungen der Marktwirtschaft, die die bürgerlichen Werte herabwürdigt, spricht er an. Sandel vermittelt dabei die Vision einer gerechten Gesellschaft. Er entwickelt einen staatsbürgerlichen Freiheitsbegriff, der es dem Einzelnen ermöglicht, seine eigenen Wertevorstellungen in die Gemeinschaft einzubringen.“ (Quelle)

Schade, dass gerade von jemandem wie Arno Widmann auf perlentaucher.de zu lesen ist, er habe das Buch Sandels einfach weggelegt, weil ihm das Urteil des Autoren über John Paulson nicht schmecke. Ich unterstelle, ja UNTERSTELLE, Widman ist u.U. auf die Hollywood-Darstellung Paulsons durch Christian Bale hereingefallen.

Zunächst einmal gilt: Keine Angst vor Fundamental-Überschriften! MORAL UND POLITIK, das klingt auf ängstliche LeserInnen vielleicht so, als müsste allein das Vorwort 836 Seiten umfassen (und das ist nur das Nötigste!!!). Dem ist nicht so. Sandels Betrachtungen lesen sich zu beginn angenehm leicht und anschaulich. Wenn er später über den politischen Liberalismus schreibt, verlässt er als Autor das Ubahn-Niveau aber durchaus. Hier sollte sich LeserInnen mehr Zeit lassen.

Lektüre beendet „Anti-Europäer“ (Claus Leggewie)

„Was verbindet den norwegischen Massenmörder Anders Breivik, den russischen Intellektuellen Alexander Dugin und den syrischen Dschihadisten Abu Musab al-Suri? Claus Leggewie erkennt in ihnen Repräsentanten von Weltanschauungen, für die trotz aller Unterschiede und Gegensätze die Feindschaft zu offenen Gesellschaften gleichermaßen zentral sei. Leggewie analysiert Schriften, Biografien sowie Milieus der Drei und zeigt ihre parallelen Feindbilder auf: Im Rückgriff auf antimoderne Ideen vom Anfang des 20. Jahrhunderts wetterten sie gegen Demokratie, Pluralismus, Emanzipation, Globalisierung und den angeblich dekadenten Westen. Das Erstarken identitärer und autoritärer Stimmungen mache die europäische Öffentlichkeit besonders anfällig für diese nur scheinbar gegensätzlichen Ideologien. Um deren Zerstörungspotenzial durch Worte und Waffen nicht zur Entfaltung kommen zu lassen, ruft Leggewie nach kreativen und positiven Zukunftsentwürfen für Europa und die Welt.“ (Quelle)

Eine schnelle, flotte Lektüre.

Lektüre beendet „Zornpolitik“ (Uffa Jensen)

„Gäbe es ein Messgerät für die Intensität kollektiver Gefühle, es würde derzeit Spitzenwerte anzeigen: In den politischen Debatten sind vielerorts Wut, Hass und Angst an die Stelle rationaler Argumente und gegenseitiger Rücksichtnahme getreten. Uffa Jensen verfolgt die Ursprünge der Zornpolitik bis ins 19. Jahrhundert zurück und erläutert, wie solche Gefühle der Ablehnung funktionieren. Dabei wird deutlich, dass Emotionen gerade in Auseinandersetzungen über gesellschaftliche Andere wie Flüchtlinge, Muslime oder Juden hochkochen und bewusst instrumentalisiert werden. Aus den historischen Zusammenhängen zwischen Vorurteilen und Gefühlen leitet Jensen Strategien ab, mit denen wir der aktuellen Welle des politischen Furors begegnen können.“ (Quelle)

Die knapp 180 Seiten lesen sich angenehm flott und geben hier und da wunderbare Denkanstöße – vor allem , was Begrifflichkeiten angeht, kann Jensen punkten.

Lektüre beendet „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (Yuval Noah Harari“

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ heißt der Sachbuch-Bestseller aus Israel, der jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Erfolg des Geschichtsprofessors Yuval Noah Harari liegt, wie die kleine Kostprobe seines Denkens oben zeigt, neben der farbigen Sprache vor allem in seinem außergewöhnlichen Blickwinkel begründet. Aus luftiger Vogelperspektive gleitet Harari über die Jahrtausende und bietet viel: spektakuläre Panoramen, plötzliche Sturzflüge in Details, unkonventionelle Interpretationen und eine üppige Vielfalt an Wissen aus Archäologie, Biologie, Religionssoziologie, Wirtschaft und Mathematik.“ (Quelle)

Eine Mammut-Aufgabe…und ZEIT ONLINE weiß genau, wer diese bewältigen kann: „Wenn das einer kann, dann der junge Universalhistoriker Yuval Noah Harari, der mit großer Lässigkeit, faszinierendem Wissen und einer guten Portion Humor die Entwicklung der Menschheit beleuchtet. “ Und ja, es ist schwierig, sich dieser Behauptung entgegen zu stellen. Gerade seine leichtgängige Sprache scheint es zu sein, die den Flug zu angenehm gestaltet, obgleich vor allem seine Verwendung des Begriffes „Humanismus“, besonders des „evolutionären“ vieler Ortes auf Gegenwehr stoßen dürfte.