Überlegungen zur Filmpolitologie

SONSTIGES

In ihrem Aufsatz Good Night, and Good Luck. Über das Verhältnis von Narration, Film und Politik nimmt Sandra Nuy einen Wendepunkt politologischen Arbeitens in den Blick: „Im Mittelpunkt der politikwissenschaftlichen Forschungsarbeiten, die sich dem narratologischen Paradigma zuwenden, steht zumeist die Frage, welche politischen Deutungsmuster durch Narrative repräsentiert werden und welche Rolle sie in politischen Handlungspraxen spielen. […] In der Zwischenzeit haben die [Forschenden, d. Verf.] ihr – im Übrigen: interdisziplinäres – Forschungsprogramm der Untersuchung politischer Narrative von der sprachlich vermittelten Erzählung auf die Medien der Audiovision ausgeweitet.“[1]

Wenn Nuy von besagten Medien spricht, bezieht sie sich vorrangig auf die zunehmende „Beschäftigung mit Filmen, Serien und der Visualisierung von Politik in der Populärkultur“, welche auch Frank Gadinger der jüngeren politikwissenschaftlichen Forschung attestiert und begrüßt, denn aus seiner Perspektive sei es möglich, „Filme und Serien als Untersuchungsobjekte [zu verstehen, d. Verf.], in denen zentrale Dimensionen des Politischen wie Legitimierungsprozesse, Herrschaftsverhältnisse und demokratischer Wandel analysiert werden können.“[2]

Bereits 2015 hatten Axel Heck und Gabi Schlag in der Zeitschrift für Internationale Beziehungen mit einem Plädoyer für eine kritische Filmpolitologie einen reaktionsstarken Impuls für Lehre und Forschung geliefert – dabei bildete der folgende Aufruf meines Erachtens den Kern des Artikels: „Wir halten eine Auseinandersetzung mit Filmen in der Lehre und Forschung für ausgesprochen sinnvoll und gewinnbringend. Ziel sollte daher sein, eine Filmpolitologie zu entwickeln, die sich theoretisch und methodisch reflektiert der Bedeutung und Relevanz des Mediums Film in den IB/iB widmet.“[3]

Dass sich ein solch lohnendes Forschungsunterfangen nicht lediglich auf die Gebiet der Internationalen Beziehungen erstreckt, sondern auch für andere Teilbereiche der Politwissenschaft fruchtbar gemacht werden kann, unterstrich 2014 Ulrich Hamenstädt geradezu euphorisch, als er in der Einleitung zu seiner Untersuchung Theorien der Politischen Ökonomie im Film konstatierte, „zu neuen Ufern aufbrechen zu wollen“.[4]

Zusammengenommen erklärt Lukas Kilian Zech in seiner Dissertation Filme als Träger strategischer Kultur den Forschungsgegenstand Film als relevant für die Politikwissenschaft innerhalb einer sozialkonstruktivistischen Rahmengebung: „Weil populärkulturelle Ausdrucksformen soziales und politisches Leben repräsentieren, tragen diese wiederum zur sozialen Konstruktion der Wirklichkeit bei.“[5]

[1] Sandra Nuy: Good Night, and Good Luck. Über das Verhältnis von Narration, Film und Politik. S.185-203. In: Wolfgang Bergem/Paula Diehl/Hans J. Lietzmann (Hg.): Politische Kulturforschung reloaded: Neue Theorien, Methoden und Ergebnisse. Bielefeld, 2019. S.186.

[2] Frank Gadinger: „Whatever it takes“. 24 und die Normalisierung des Ausnahmezustandes. S.305-327. In: Niko Switek (Hg.): Politik in Fernsehserien. Analysen und Fallstudien zu House of Cards, Borgen & Co. Bielefeld, 2018. S.305f.

[3] Axel Heck/Gabi Schlag: Plädoyer für eine kritische Filmpolitologie. In: Zeitschrift für Internationale Beziehungen. URL: https://zib-online.org/2016/01/25/plaedoyer-fuer-eine-kritische-filmpolitologie/ (25.01.2016) Letzter Zugriff: 16.03.2020.

[4] Ulrich Hamenstädt: Einleitung. S.1-20. In: Ulrich Hamenstädt (Hg.): Theorien der Politischen Ökonomie im Film. Wiesbaden, 2014. S.1.

[5] Lukas Kilian Zech: Filme als Träger strategischer Kultur. Eine filmpolitologische Analyse normativ-kultureller Grundlagen europäischer Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Dissertation Universität Passau, 2019. S.4.

Plädoyer für eine kritische [SPIEL]politologie

AKADEMISCHES

Der ursprüngliche Text stammt von Axel Heck und Gabi Schlag: Plädoyer für eine kritische FilmpolitologieIch möchte den folgenden Absatz gerne als alternierten Ankerpunkt benutzen und ggf. mit ihm weiterarbeiten.

Quelle

[SPIELE]e + Politikwissenschaft = [SPIEL]politologie!

Wir halten eine Auseinandersetzung mit [SPIELEN] in der Lehre und Forschung für ausgesprochen sinnvoll und gewinnbringend. Ziel sollte daher sein, eine [SPIEL]politologie zu entwickeln, die sich theoretisch und methodisch reflektiert der Bedeutung und Relevanz des Mediums Film in der [POLITOLOGIE] widmet. Dafür muss man aber verstehen, mit welchen narrativen, visuellen, ästhetischen, affektiven und technischen Mitteln [SPIELE] Sinn, Bedeutung und Wissen erzeugen und welche Filme und Filmgenres sich für eine Lehrveranstaltung oder eine Analyse besonders eignen – und welche eher nicht. Dies lässt sich nicht verallgemeinern, sondern muss von Fall zu Fall durchdacht werden.

Lektüre abgeschlossen „Die Grammatik der Freiheit“ (Peter Graf Kielmansegg)

SONSTIGES

So, auf den letzten Drücker…aber manche Sachen möchte man einfach vor Jahreswechsel noch abschließen. Dazu gehörte auch „Die Grammatik der Freiheit“ von Kielmansegg.

„Auch mehr als 200 Jahre, nachdem Thomas Paine die Metapher von der Verfassung als Grammatik der Freiheit prägte, lohnt es, sich die Grammatik der Freiheit und damit die Regeln des demokratischen Verfassungsstaates in Erinnerung zu rufen. Schließlich ist es ein Kennzeichen freiheitlicher Verfassungen, daran zu zweifeln, ob die bisher gefundenen Antworten wirklich die richtigen sind: Ist direkte Demokratie nicht vielleicht doch die wahre Demokratie? Braucht die Demokratie Parteien? Sind Demokratie und Marktwirtschaft miteinander vereinbar? In acht Essays denkt Peter Graf Kielmansegg über die dringlichen Fragen nach, die sich dem demokratischen Verfassungsstaat der Gegenwart stellen.“ (Quelle)

Ich möchte mich hier Armin Pfahl-Traughber anschließen, der zu dem Büchlein festhält: „Kielmansegg erweist sich auch in diesem Band als ausgezeichneter Kenner und differenzierter Analytiker, der seine Erörterungen kontinuierlich über entwickelte Frage- und Problemstellungen angeht.“ (Quelle) Besonders Kielmanseggs Sprache gefällt mir: Sie deutet an, liefert aus, umschifft, konfrontiert in traumwandlerisch sicherer Sachbuch-Prosa. Selten.