Lektüre beendet „Anti-Europäer“ (Claus Leggewie)

„Was verbindet den norwegischen Massenmörder Anders Breivik, den russischen Intellektuellen Alexander Dugin und den syrischen Dschihadisten Abu Musab al-Suri? Claus Leggewie erkennt in ihnen Repräsentanten von Weltanschauungen, für die trotz aller Unterschiede und Gegensätze die Feindschaft zu offenen Gesellschaften gleichermaßen zentral sei. Leggewie analysiert Schriften, Biografien sowie Milieus der Drei und zeigt ihre parallelen Feindbilder auf: Im Rückgriff auf antimoderne Ideen vom Anfang des 20. Jahrhunderts wetterten sie gegen Demokratie, Pluralismus, Emanzipation, Globalisierung und den angeblich dekadenten Westen. Das Erstarken identitärer und autoritärer Stimmungen mache die europäische Öffentlichkeit besonders anfällig für diese nur scheinbar gegensätzlichen Ideologien. Um deren Zerstörungspotenzial durch Worte und Waffen nicht zur Entfaltung kommen zu lassen, ruft Leggewie nach kreativen und positiven Zukunftsentwürfen für Europa und die Welt.“ (Quelle)

Eine schnelle, flotte Lektüre.

Demokratie „spielen“?

Glaubt man den Umfragen, ist es um das Demokratieverständnis und die Wertschätzung selbiger im Kreise der Jugend nicht zum Besten bestellt. Ende Juni etwa war von einer groß angelegten Studie des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin zu lesen, der zufolge die jüngere Generation lediglich über eine äußerst mangelhafte politische Bildung verfügt. Bereits sechs Jahre zuvor sorgte eine TNS-Infratest-Umfrage, laut der über 52% der befragten Jugendlichen mit der Staatsform Demokratie „eher unzufrieden“ seien, für Kopfschmerzen.

Sieht man sich diese Zahlen genauer an, kann man zu dem Schluss gelangen, dass es einen unverbrauchteren, neueren Weges bedarf, um die „Lust“ auf Politikverständnis speziell bei der beschriebenen Zielgruppe zu wecken. Video- und Computerspiele sind heutzutage Teil der natürlichen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Sie gehören zu einem Medienportfolio, mit dem sie aufwuchsen und mit dem sie sich täglich umgeben. Medien bilden eine bedeutsame Plattform politischer Informationsvermittlung. Gleichzeitig sind sie, bewusst und unbewusst, ebenfalls Teil der politischen Willensbildung.

Der Medienpädagoge Stefan Aufenanger merkt an, dass Medien dazu dienen können, Sozialisationserfahrungen zu vermitteln und folgert daraus, dass digitale Spiele wichtige politische Prozesse deutlich machen und damit bei Kindern und Jugendlichen ein Interesse an dieser Thematik wecken können. Der Politologe Thomas Bevc weist auf die Vielfältigkeit der politischen Themen in digitalen Spielen hin – auch wenn oftmals explizite, politische Aussagen fehlten, so stoße man doch auf die Darstellung der Entwicklung der Menschheit oder einer Gesellschaft, Fragen von Polizeigewalt, Gesetzlosigkeit, Mindestlöhnen, Steuern, menschlichem Zusammenleben im Spielablauf.

Dabei mangelt es nicht an konkreten Spieleideen zur Umsetzung: So entwickelte der österreichische Politologe Peter Merschitz mit seinem Kollegen Tim Preuster bereits 2005 das Politiksimulationsspiel Power of Politics mit dem Ziel, eine Verringerung der Politikverdrossenheit zu erreichen. Spieler übernehmen in diesem Spiel die Rolle eines virtuellen Politikers. Alle Politiker starten ihre Karriere auf Bezirksebene und versuchen auf verschiedenen Wegen, ihre Beliebtheit zu steigern. Viele der Spielziele, so die Entwickler, können nur durch intensive Kommunikation zwischen den Spielern erreicht werden und dies solle auch die demokratische Kommunikationskultur stärken.

Leider wurde schnell klar, wo das Problem hinter der guten Intention steckt: Wirft man einen Blick auf die Spielerinnen, wird deutlich, dass diese zumeist aus einem politisch durchaus interessierten und mitunter auch aktiven Milieu stammen – die Zielgruppe der Wenigreflektierten konnte nur schwer erreicht werden. Fünf Jahre später wollte sich die britische Regierung die Popularität digitaler Spiele zu Nutzen machen und ließ für 400.000 Euro Spiele entwickeln, welche die Funktionsweise von Demokratie auf spielerische Weise vermitteln sollte: Heraus kamen Titel wie MP (Member of Parliament) for a week und MyUK – über Nutzerzahlen oder gar nachhaltigen Erfolg ist jedoch wenig bekannt.

Positiv stimmt, dass trotz aller Rückschläge das Engagement einzelner Entwicklerköpfe nicht nachlässt. Doch das allein reicht nicht. Spiele, denen es gelingt Unterhaltung und Verständniskatalysatoren politischer Prozesse verbinden, erhalten zwar regelmäßig neue Namen wie „Serious Games“, „News Games“, „Edutainment Games“ oder „Persuasive Games“ (um nur einige zu nennen), schaffen es aber nicht, die große Masse an Spielern zu erreichen.

Die bisherige Einbettung von Politik und Zeitgeschichte in publikumswirksameren Titeln kann es entweder nicht mit ihren großen First-Person-Shooter-Brüdern wie Halo oder der Call-of-Duty-Reihe aufnehmen oder wird – wie in Strategiespielen der Serie Europa Universalis bzw. Civilization weich- und kleingebügelt: Politik ist hier Top-Down-Geschäft; statt politisch-pluralistischer Teilhabe ist hierarchische Entscheidung von oben seitens des Spielers an der Tagesordnung. Das alleine ist allerdings nicht ausreichend, um das Verständnis für das komplexe Tagesgeschäft Politik oder die Staatsform der Demokratie zu schulen und schärfen. Digitale Spiele haben hier noch einen langenWeg vor sich.

Audiobook abgehört „Ein letzter Besuch. Begegnungen mit der Weltmacht China“

„Helmut Schmidt hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er China für eine entscheidende Weltmacht des 21. Jahrhunderts hält. Warum gerade wir Deutschen vor dem Reich der Mitte nicht Angst, wohl aber Respekt haben sollten und was Europa von der viertausendjährigen chinesischen Kultur lernen kann – das sagt er hier mit der ihm eigenen Klarheit. „Ein letzter Besuch“ ist das Dokument einer einzigartigen west-östlichen Begegnung und gibt tiefe Einblicke in das Denken zweier Staatsmänner, die den Blick weit über ihr eigenes Land hinaus richten – eine nachhaltige Lehrstunde in Weltpolitik. Das Booklet enthält den Artikel „Vier Freunde“ von Matthias Nass, über die Begegnung von Helmut Schmidt, Henry Kissinger, George Shultz und Lee Kuan Yew.“ (Quelle)

Die viereinhalb Stunden vergehen wie im Flug, wenn sich die beiden Freunde austauschen. Ihre Gesprächsinhalte wechseln beizeiten etwas willkürlich – so mein Eindruck – aber schon einen Satz später freut man sich schon wieder darüber. Wahrscheinlich könnten die beiden auch über Staubsauger-Anleitungen sprechen, und ich würde interessiert zuhören. Lohnend, sehr lohnend.

Besuch beim BR: Aufzeichnung der „Klugscheisser“

Gestern war ich bei der Aufzeichnung der ersten Folge der „Klugscheisser“ im Bayerischen Rundfunk in Unterföhring. Konnte noch für lau eine Karte abstauben und über nette Gesellschaft konnte ich auch nicht klagen. Abgesehen von einzelnen Pannen, die nichts sonderlich ins Gewicht fielen (es menschelt!), waren die Einzelleistungen der Auftretenden samt und sonders unterhaltsam, lediglich das Gesamtkonzept der Berateragentur ist noch ein wenig unrund, unorganisch, holprig. Zu sehr schwebt hier der „Vorwand“ über der Veranstaltung. Sonst aber gelungen.