Über das Spiel nachgedacht.

Die selbständige Auseinandersetzung mit dem Gespielten stärkt die Position des Eigenen und macht frei von vorgegebenen Denkmustern – eine Fähigkeit, die in Zeiten von erstarkenden Populismus, Fake News und Clickbait-Journalismus unabdingbarer werden und elementar für die demokratische Teilhabe sind.

Allerdings:

Wenn wir in einer Welt wie der unsrigen ein hohes Maß an sogenannter Ambiguitätstoleranz brauchen, um mit tendenziell unüberschaubar offenen Prozessen, mit Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten umgehen zu lernen, dann bietet der ein Großteil des Spielemarktes den SpielerInnen vielfach genau das Gegenteil. Spiele führt nun einer narkotischen Selbstberuhigung mit den immer selben Mustern in der Tiefenstruktur des ludischen Textes und der immer gleichen ästhetischen Erfahrung.

Auch Ästhetiken lassen sich schließlich ökonomisch auf eine Linie bringen und nach Rentabilitätskriterien modellieren. Die fiktive Wirklichkeit ist berechenbar, und die Erwartung einer kathartischen Entlastung am Schluss wir von Beginn an zugesichert.

Damit stellt sich die Frage:

Führt uns das Spielen womöglich vorbei am Weg des mündigen Bürgers einer demokratischen Gesellschaft hin zu einer infantilisierten Konsumidentität?

Sosehr das Spielen als wichtige Kulturtechnik der sozialen und kulturellen Teilhabe nötig bleibt, so müssten wir längst auch lernen, uns Spielangeboten zu verweigern, denn was wir erleben, ist geradezu eine Überschwemmung mit ludischen Texten, die uns Unterhaltung oder vermeintlich Informatives oder auch bloße Meinung vermitteln. Als Metakompetenz kann somit zählen, unterscheiden zu können, auf welche Spiele man sich einlässt.

Warum Spiele so ausfallen, wie sie ausfallen, gehört dringend zum Repertoire ideologiekritischer Fragen einer kritischen und selbstkritischen Bevölkerung (und damit übrigens natürlich auch an Schulen und Universitäten!). Ludische Texte vermitteln unsere Wahrnehmung- und Denkmuster, unser verfügbares Wissen, unsere moralischen Haltungen und vieles mehr, kurz: unsere Kultur. Darum geht es um viel! Um sehr viel!

Denn ich möchte dem Spiel nur zu gerne Anteil an der Persönlichkeitsbildung zuschreiben: Eigeninitiative statt passiver Konsum, umfassende Information statt punktueller (auf die Spielmechanik bezogene). Unterstützung in der Herausbildung seiner Persönlichkeit findet der Spieler im Spiel, denn Spielen ist Mittel der Welterfahrung und konfrontiert den Nutzenden mit unterschiedlichen Verhaltensmustern und -modellen, die er in graduellen Abstufungen ablehnen oder annehmen kann.

Wir versetzen uns in sozial erwünschte Lebensmodelle und individuelle Eigenschaften oder grenzen uns gegen unerwünschte ab. Wir setzen uns ins Verhältnis zu anderen Lebensentwürfen, Ideen, Wertvorstellungen und Normen. Die Identifikationsmöglichkeiten mit Figuren aus ludischen Texten, die Reflexion ludischer Weltdeutung und das Angebot, Lebensentwürfe, Konventionen und Werte zu überdenken, anzunehmen oder zu verwerfen, dienen – so meine ich – der Persönlichkeitsentwicklung.

 

Danke, APuZ 12/2019. Und danke an die AutorInnen für Ihre Gedanken über „das Lesen“, die ich ins Spielen textuell hinein transmutieren habe lassen.