Meine 2000er in Kopenhagen

Aus Interesse frug ich just an meiner alten Universität nach, ob es denn noch meinen alten Erasmus-Erfahrungstext gebe, welchen jede und jeder Studierende im Rahmen seines Auslandsaufenthaltes abgeben musste. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die LMU diese jetzt schon fast im 15. Jahr noch bereit hält. Aber falsch gedacht:

Sehr geehrter Herr Inderst,
das ist jetzt mehr Zufall, dass ich das noch habe, da schon sehr lange
her. Anbei. Mehr habe ich von den Stellenvorgängern nicht erhalten.
Mit freundlichen Grüßen.

Diese dänische Perle, welche bislang als verschollen galt, will ich Euch nicht vorenthalten:

Mein Aufenthalt in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen als ERASMUS-Student der Politischen Wissenschaften begann am 02.08.2002. Da ich Reinhard Prosch, den zweiten „Kopenhagen-Platz“ aus München kannte, beschlossen wir bequemerweise, mit einem gemieteten Kleintransporter (Mercedes Sprinter) die Fahrt samt Gepäck zu wagen. Alles, was wir zu diesem Zeitpunkt wußten, waren zwei Postanschriften in Kopenhagen und die Gewißheit, eingeschriebene Studenten zu sein.

Als wir schließlich in Kopenhagen nach circa zwölf Stunden Autofahrt ankamen (wir hatten den Weg über die imposanten dänischen Riesenbrücken gewählt, nicht den Weg per Fähre), bezog erst Reinhard seine Unterkunft, danach ich. Ich lebe in meinem 14 qm Zimmer zur Untermiete (Kostenpunkt sind 2500 DKR) im Kopenhagener Osten. Abgesehen vom fünften Stock ohne Lift gibt es nichts zu meckern. Das Zimmer wurde mir über die Universität vermittelt – auch hier gab es keine Probleme: ich hatte mit meinem Untervermieter via Telephon und Email mehrere Male Kontakt gehabt, um zu erfahren, in welchem Zustand (Möbel, TV etc.) meine zukünftiges Zimmer sein werde.

Unsere frühe Abreise wurde dadurch bedingt, daß bereits am Montag, den 05.August 2002 unser erster Sprachkurs begann. Dieser war kostenfrei, sogar das Lehrmaterial (in Form eines Workbooks) gab es gratis dazu. Erste Kenntnisse der dänischen Sprache wurden ergo in den ersten drei Wochen vermittelt: Teilnehmerzahl und Niveau wußten zu überzeugen, die Lehrkraft war motiviert, auch die Lehrmittel waren variabel (Einbezug von Tapes, Spielen oder auch Sprachlabor). Sollte man diesen Kurs nicht mitmachen, ist man allerdings nicht vollkommen verloren: im Gegenteil. Seit meiner Ankunft traf ich genau drei Menschen, welche nicht zumindest fragmentarisch Englisch sprachen. Unglaublich: egal ob alt, ob jung , unabhängig vom sozialen Status, bzw. Administration/Bürokratie oder „öffentliches Leben“. Das setze mal einer in München voraus.

Entgegen allen Vorurteilen hatten wir bis jetzt genau drei Regentage, und während die BRD „Land unter“ meldete, konnten wir uns höchstens über Sonnenbrand beklagen. Fazit: phantastischer Spätsommer plus deftiger Frühherbst.

Die Universität in Kopenhagen ist wie auch in München kein Campus, d.h. die einzelnen Institute sind über die Stadt verteilt. Für den geneigten Studenten bieten sich, so fern er/sie kein eigenes Auto mitbrachte hauptsächlich zwei Möglichkeiten: entweder man investiert 245 DKR für eine Monatskarte der öffentlichen Verkehrsbetriebe (Bus, S-Bahn, ab 21.10. U-Bahn), welche bestens funktionieren, und das auch nachts, oder aber: gesunde Variante per Fahrrad. Kopenhagener sind fahrradversessen: leicht zu beziehen und aufgrund von vorteilhafter Verkehrsführung gut zu nutzen. Tipp: am besten mit Rad anreisen.

Natürlich könnte man sich in diversen und mannigfachen (Luft für die Reifen gibt es übrigens an jedem Bike-Store gratis per Hochdruck) Fahrradgeschäften einfach eines kaufen, doch man sei gewarnt! An dieser Stelle muß ich (speziell für arme Studenten) vom Gelde berichten.

Abgesehen davon, daß man mit EURO (sprich: das große Umtauschen ist angesagt; 1 € = ca. 7,4 DKR) nicht sonderlich viel anfangen kann, es sei denn, man kauft ausschließlich in wirklich großen Konsumbunkern, sollte man immer seinen Kontostand genau im Auge behalten: Kopenhagen ist TEUER. Wirklich teuer. Da die dänischen Studenten vom Staat ein Einkommen erhalten, kann es selbige nicht allzu stören, internationale Studenten ächzen jedoch. München plus 20 Prozent lautet meine Preisformel. Achtung: man kennt hier keine wirkliche MENSA.

Das Einkaufsangebot entspricht dem gewohnten Bild der Heimat. Allerdings stolpert man über wesentlich mehr Angebote in den Bereichen Mode und Design. Und nun zum Thema BÜROKARTIE: prinzipiell braucht man keine Furcht zu verspüren, man trifft stets auf hilfsbereite Zeitgenossen. Zurecht legen sollte man sich auf jeden Fall eine Menge Passfotos und weiterhin den sogenannten LETTER OF ADMISSION, der beweist: Ja, ich studiere wirklich an meiner Gastuniversität. Wie schon zufriedenstellend und richtig in München angekündigt, besorgt man sich eine Aufenthaltsgenehmigung, später geht es noch um eine Gesundheitskarte und eine dritte Karte, auf der die sogenannte CPR-Nummer, eine persönliche Nummer für jeden Bürger Dänemarks, festgehalten wird. WO und WIE, alles wurde in Einführungsveranstaltungen ausreichend erläutert. Auch einen Studentenausweis gibt es – nach Beantragung im International Office. Nochmals bleibt festzuhalten: auch diese Bereiche, die die Universität eigentlich nicht betreffen, werden erklärt und Hilfe ist jeder Zeit vor Ort. Nach der ersten großen Bürokratie-Welle lohnt sich auch die Eröffnung eines Kontos in Kopenhagen, denn wiederholtes Abheben von heimischen Geld ist von deftigen Gebühren begleitet (mindestens drei bis vier Euro).

Das Universitätsleben ist wiederum ein eigenes Kapitel: die politische Fakultät (Institut for Statskunskab) ist in einem ehemaligen YMCA untergebracht. Ein relativ kleiner Eckbau: einsehbares Sekretariat, großer Aufenthaltsraum, kleine Bibliothek, Unterrichtsräume, Keller mit PC-Räumen (Zugangskarte im Sekretariat zu beantragen). Besonders hervorzuheben ist das Getränkesystem im Aufenthaltsraum: ein dicker Kühlschrank voller alkoholischer und nicht-alkoholischer Getränke wartet auf Konsumenten, eine kleiner Holzschale dient als Kasse, jeder zahlt, jeder nimmt sich sein Wechselgeld selbst: vorbildlich. Mindestens einmal pro Woche „erbarmt“ sich zusätzlich der Bardienst und schmiert fleißig Brote, manchmal handelt es sich auch um Obst oder Kekse: kurzum: hier findet der  Versuch statt, einen Mensa-Ersatz zu schaffen. Dank Tuborg bzw. Carlsberg ein lauter dazu.

Vom ersten offiziellen Unitag an kümmerten sich zahlreiche Mentoren um uns. Bewundernswert motiviert und gut gelaunt sind sie nicht nur Ansprechpartner bei möglichen Problemen (durch die hohe Anzahl der Mentoren ist ein „Massenbetrieb“ ausgeschlossen: jeder Mentor betreut höchstens drei internationale Studenten), sondern organisierten Besuche und Ausflüge jeglicher Art und Weise. Kulturell wertvoll und lasterhaft übernächtigt zugleich. Genial. Dabei ist nicht ohne neidisches Schielen festzuhalten, daß dies wunderbare Angebot auch den regulären dänischen Erstsemestlern widerfährt: im Vergleich dazu ist München faktisch soziales Brachland – mein Institutshöhepunkt im Wintersemester 1999/ 2000 war die Begrüßungsrede.

Dienst ist Dienst! Die Kurswahl stand an; zunächst gilt es auch hier festzuhalten, daß die Anzahl der englischsprachigen Kurse München erneut in den Schatten stellt. Internationales Flair garantiert: so kommuniziere ich täglich mit Amerikanern, Franzosen, Belgiern, Italienern, Spaniern, Briten, Niederländern, Österreichern, Japanern oder Russen. Wir wurden darauf hingewiesen, daß man doch zunächst einmal alle Kurse ein paar Mal besuchen sollte („Course-Surfing“), um sich ein Bild zu verschaffen, welche man denn endgültig nehmen wolle. Relativ schnell zeichnete sich mein Stundenplan ab: Ich hatte den ersten Sprachkurs erfolgreich absolviert (schriftliche Prüfung), also war ich gewillt, auch den zweiten in Angriff zu nehmen (Gebühren mußte ich diesmal zwar entrichten, aber lediglich für das Work-Book, nicht die Stunden selbst), weiterhin belege ich den sogenannten „Danish Culture Course“, welcher in Vorlesungen und Field Trips das kulturelle Bild Dänemarks erläutern und erleuchten soll. Auf MA-Level besuche ich zwei Kurse: „The Danish Political System“ und „International Organizations“. Abgerundet wird das Programm durch eine wöchentliche Vortragsreihe.

Prüfungen sind ebenfalls ein Thema für sich. In den meisten Kursen ist eine Wahl zwischen einer Hausarbeit und einer mündlichen Prüfung möglich, 900 Seiten Stoff für letztere inkl. früherem Prüfungstermin. Hausarbeiten sollten bis spätestens 15.01.2003 vorliegen. Doch nun kommt der Clou, welcher die enorme, kreative Flexibilität des dänischen Systems veranschaulicht: Hausarbeiten können zusammen, sogar zu dritt geschrieben werden! Natürlich erhöht sich entsprechend die Seitenanzahl, allerdings wird hierbei wirklich Teamarbeit geschult. Aber das ist noch nicht alles: Weiterhin ist es möglich, mit entsprechender Absprache, mit einer entsprechenden längeren Arbeit auch zwei Kurse abzudecken, deren Themen sich ähneln oder ergänzen. Natürlich kann auch in einem solchen Fall kooperiert werden. Erstaunlich! Auf meine Person bezogen werde ich davon auch Gebrauch machen, ich werde eine Arbeit alleine schreiben und eine weitere in Zusammenarbeit mit Reinhard Prosch. Soweit ich informiert bin, enden die Vorlesungen am 15.12.2002, und ich werde versuchen, für etwa drei Wochen in München zu bleiben.

 Kopenhagen hat sich bis jetzt als große Bereicherung für mein Leben herausgestellt, universitär und privat. Gespannt blicke ich bereits jetzt auf das neue Jahr, welches sicherlich eine neue Reihe an Herausforderungen präsentieren wird.

2 Gedanken zu “Meine 2000er in Kopenhagen

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