Buchbesprechung J.K. Rowling – Ein plötzlicher Todesfall

Endlich! Nachschub von der Insel!

Warten. Warten bedeutet für den heutigen Postindustriemenschen dasselbe wie Krankheit. Warten bedeutet für den urbanen Browser-Tap-Öffner in erster Linie verschwendete Lebenszeit. Es ist ihr oder ihm nahezu unmöglich geworden, das Warten als etwas zu empfinden, das vielleicht auch Vorfreude ausstrahlt. Diese Menschen hassen es, in einem Zeitabschnitt gefangen zu sein, der bedeutet, man hängt zwischen Punkt A und Punkt B. Kurzum: Warten bedeutet für sie Verschwendung ihrer kostbarsten Ressource, nämlich ihrer Lebenszeit und stellt zugleich eine grausame Bestrafung des Instant-Action-Gottes dar. Dennoch konnten wir dem Warten bisher nicht Herr werden oder es gar abschaffen. Wir alle warten. Mürbe am Busbahnhof oder hypererregt auf die neue Folge der Lieblingsserie. Oder, um bei den geliebten Medien zu bleiben, auf ein neues Werk einer ins Herz geschlossenen Schriftstellerin.

Nennen wir sie, für diesen Augenblick, J.K. Rowling. Behaupten wir weiterhin, dass diese Autorin eine weltweit maximal erfolgreiche Reihe von Romanen abgeliefert hat. Doch irgendwann, sagen wir nach sieben Büchern, neigte sich dieser Zyklus dem Ende zu. Und die Stimmen der verwöhnten, scheinbar zielgruppenlosen, weil omnibegeisterten, Leserschaft wurden lauten, als sie fragten: Was kommt nach dem steilen Besenritt des Zauberlehrlings? Was ist danach? Geht es vielleicht doch weiter mit dem Knaben? Noch mehr Abenteuer als gestandener Mann? Seitens der Schriftstellerin jedoch Stille – und so begann das, worüber wir Eingangs so gelangweilt, nein, so angewidert, gar hasserfüllt sprachen – das Warten.

Doch nun ist er vorbei damit. Der Herbst 2012 wird eine Rückkehr Rowlings auf die Bühne der Neuerscheinungen feiern dürfen. Den ein oder anderen mag es überraschen, wieder Dritte hatten damit gerechnet – die Autorin wechselt Genre und Zielgruppe. Oder, um es noch klarer zu formulieren: Mit Zaubersprüchen und Hexenkräutern, Fabelwesen und Magieflüchen hat der neue Roman der britischen Schriftstellerin rein gar nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um einen lupenreinen Krimi – entsprechend wird das gute Stück auch mit dem Claim „J.K. Rowlings erster Roman für Erwachsene“ vermarktet. Na gut, immerhin bleibt man sich geographisch treu. Schließlich spielt auch der neue Stoff in England, um genauer zu sein, in der wunderschönen, idyllischen Kleinstadt Pagford. Doch wie so oft, gilt auch hier die Regel: Es ist nicht alles Gold, was glänzt!

Mitten in der verträumten Marktplatzästhetik ereignet sich der namensgebende „plötzliche Todesfall“ – das Versterben des mitten im Leben stehenden und im Gemeinderat sitzenden Barry Fairbrother sorgt für Aufsehen. Und auch sonst ist Einiges im Leben der beschaulichen Siedlung geboten. Denn hinter der Fassade herrscht Krieg – und jeder mischt mit! Egal, ob Ehefrau gegen Ehemann, betucht gegen verarmt oder Schüler gegen Lehrer – Rowling fasst all die kleineren Scharmützel und größeren Schlachten ins Auge. Sollte ihr das mit einem ähnlichen erzählerischen Geschick gelingen wie zuvor im Falle ihres Zauberlehrlings – und dagegen spricht eigentlich nichts – können wir uns schon bald alle an einer neuen, bezaubernden Geschichte erfreuen. Und das Warten? Beginnt dann von vorn. Schade? Nein, gut so!

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