Eher Theodor Storm als laues Lüftchen? Stephen King – Wind

Wenn Sie – wie wir – mitten in der Pracht der zarten 30er stehen, ist die Chance große, dass auch Sie mit den Romanen Stephen Kings aufwuchsen. Der Autor war zu Schulzeiten in etwa das, was früher Karl May im Unterricht gewesen sein muss – nämlich Grund im Falle eines Lese-Ertappens durch den Deutsch-, Englisch und/oder Lateinlehrer für eine Abkanzlung der eigenen Persönlichkeit als schmieriger Konsument ausgegorener Schundliteratur mit Horrorheftchencharakter. Man möchte sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber fast könnte das Lesen der King’schen Literatur als Akt der leisen und heimlichen Rebellion gegen vermeintliche Hochkulturliteratur deuten.

Nun, wahrscheinlich bleibt es eher bei „fast“. Als King schließlich irgendwann vom, traut man sich es zu sagen, „Establishment“ anerkannt wurde, war es uns schon wieder egal, da wir kaum noch King lasen. Gut, manch einer war natürlich hängen geblieben und wurde durch zahlreiche famos erzählte, spannend-unterhaltsame und verstörende Werke belohnt, aber für den Großteil der ehemaligen 7b und 8c blieb King doch eher der bärtige Mann hinter den durch Sonnenlichteinstrahlung gelblich verfärbten Seiten von „Es“, „The Stand“ oder „Misery“, die uns die älteren Geschwister feierlich mit geknickten Buchrücken und Eselsohren vermacht hatten, nachdem wir irgendwie nachts im Privat-TV die semi-schludrigen Fernsehadaptions-Produktionen von „Brennen muss Salem“ oder „In einer kleinen Stadt“ gesehen hatten. King – das bedeutete 10 Bücher in den Sommerferien durchboxen, das bedeutete Lesen unter der Bettdecke, ja, das bedeutete sogar manchmal, zu Autoren wie Richard Matheson oder Clive Barker zu finden. Weshalb locken die alten Jagdgründe nun seit ein paar Jahren wieder?

Die Antwort hat für viele Leser und Hörer drei Worte: „Der dunkle Turm“. Nicht weniger als sieben Bände war das Magnum Opus bisher stark, welches 1982 begann und von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „vielgestaltige Pracht persönlichsten Weltzugangs“ gepriesen wurde. Der Genrebastard aus Horror, Liebesdrama, Western und Science Fiction bekommt nun aber Zuwachs: Der achte Band, „Wind“, spielt zeitlich zwischen Band vier und fünf und kann am besten als klassische Lagerfeuergeschichte charakterisiert werden: Roland Deschain, der letzte Revolvermann, und seine Gefährten suchen Schutz vor einem gewaltigen Sturm in einer verlassenen Hütte. Dort erzählt der Scharfschütze, was in seiner Jugend geschah, nachdem er …, doch halt, wir wollen niemandem etwas verderben, sagen wir einfach, er muss als junger Mann eine gefährliche Mission erledigen – sein Vater entsendet ihn auf eine einsame Ranch.

Dort kann man seines Lebens nicht mehr sicher sein, denn angeblich treibt sich dort ein mordender Gestaltwandler herum. Nur einen einzigen Zeugen gibt es – einen kleinen Jungen! Kann Roland ihn schützen und zugleich dem grausigen Treiben ein Ende bereiten? Doch das ist nicht die einzige Frage, die King-Freunde momentan umtreibt. Schon seit Langem geht das Gerücht einer Verfilmung des Dark-Tower-Zyklus, der sich bisher über 30 Millionen Mal verkaufte, um. Mal in Form eines Filmes, mal als Mini-Serie geplant, sickern in regelmäßigen Abständen Neuigkeiten zu diesem Thema durch. Manche davon werden erweisen sich als Ente, andere halten sich hartnäckig. Die Zeit jedenfalls scheint reif, wirft man einen Blick auf ambitionierte und erfolgreich realisierte Serienprojekte wie „The Walking Dead“ oder „Game of Thrones“, die zuvor nicht wenigen Fans als unverfilmbar galten. Nicht unterschlagen möchten zu guter Letzt, dass bereits seit 2007 Roland den Schwarzen Mann bei Marvel als Comicprotagonist verfolgt. Es gab nie einen besseren Zeitpunkt als jetzt, sich wieder dem König zu unterwerfen.

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