[Kurzgeschichte] Feierabend

Der Motor verstummte. Die Innenbeleuchtung des Mercedes sprang sofort an und verbreite im Innenraum des geräumigen Wagens ein sanftes Licht. Der Fahrer zog die nahm seine schweren Hände vom Lenkrad und gähnte anhaltend und laut. Was war das nur wieder für eine Fahrt gewesen. Er schüttelte den Kopf. Wieso tat er sich das überhaupt noch an. Es gab bestimmt jüngere Männer, die nur darauf warteten, diesen Job zu übernehmen. Übel nehmen konnte er das ihnen nicht, schließlich wurde er gut bezahlt und das Geschäft hatte so gut wie immer Saison. Was soll’s. Er öffnete die Wagentüre, wuchtete sich unter leisem Stöhnen aus dem Fahrzeug und begann sich etwas zu strecken, indem er seine kurzen Arme gen Himmel streckte. Fast hätte er es vergessen. Er griff noch einmal ins Wageninnere auf den Beifahrersitz, tastete etwas herum, bevor sich seine Finger um das schlossen, was er dort gewähnt hatte: die Rosen für seine Frau. Sie mochte doch Blumen so sehr. Per Knopfdruck verriegelte er sein Auto, ehe er sich über den schmalen Kiesweg zur Eingangstür seines Hauses machte.

Dunkelheit. Stille. Nein, das stimmte nicht ganz. Er war nur kurz eingenickt. Nur kurz. Denn im Stehen war im Grunde nicht an Schlaf zu denken. Irgendwann hatten die Füße einfach ihren Dienst verweigert. An irgendeiner Schulter hatte er vermutlich kurz Halt gefunden und ein paar Minuten abgeschaltet. Doch jetzt war er wieder wach. Statt der geglaubten Stille hörte er nun seine Mitreisenden. Einige schluchzten leise, andere sprachen wirr vor sich hin. Der Geruch. Mein Gott, dieser elende Gestank. Wie hatte er ihn vorhin nur ignorieren können. Es roch nach Schweiß. Nach Urin. Und…er wollte nicht weiter darüber nachdenken. Waren Sie schon da? Es fühlte sich so an, als ob sie schon seit geraumer Zeit stehen würden.

Sein geliebter Jagdhund hatte ihn natürlich schon bemerkt und ein lautstarkes Bellen begonnen. Er wäre auch äußerst enttäuscht gewesen, wenn er dies nicht getan hätte. Da öffnete sich auch schon die Haustüre einen Spalt und noch ehe der Lichtstrahl den Kiesboden vor dem Haus hatte erleuchten könnten, schoss das Tier durch den schmalen Schlitz. Wenige Augenblicke später sprang der Hund schon begeistert an dem Mann hoch – sein Herrchen war wieder da. Er fand das wohl großartig, mutmaßte der Besitzer. Er gab dem Hund ein paar zärtliche Klappser auf den Kopf, ehe er die weniger Stufen zum Hauseingang erklomm. Dort – gegen das Licht des Flurs – zeichneten sich jetzt bereits deutlich die Umrisse seiner Ehefrau ab.

Das Wehklagen war jetzt schon wesentlich lauter. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Im Dunkeln verlor man schnell die Orientierung. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer. Irgendwo brüllte plötzlich ein Frau, man solle die Hände von ihr lassen. Irgendwer in der Nähe gab ihr eine Ohrfeige. Dann noch eine. Sie schwieg, weinte. Er erinnerte sich plötzlich an die Überfahrt. An die See. An die gewaltigen Wellen. Obwohl er während dieser Überfahrt große Angst gehabt hatte, wünschte er in diesem Moment zurück auf das Boot, zurück an die frische Luft. Ein alter Mann begann neben ihm verzweifelt, an die Innenwände des LKW zu klopfen. Klopfen. Für ein Schlagen erschien er zu entkräftet.

Der Mann umarmte seine Frau überschwänglich und übergab ihr den Blumenstrauß. Er war stolz darauf, auch nach zwanzig Jahren der Ehe stets Gentleman und Kavalier geblieben zu sein. Schon zog ihm ein wohlbekannter Duft in die Nase. Sein Lieblingsbraten! Auf seine Frau war einfach Verlass. Sie wusste, was ein Mann brauchte, wenn er von einer anstrengenden Schicht nach Hause kam. Und die war es zweifelsfrei gewesen. Er hatte zum Glück den elenden Haufen nicht selbst in Augenschein nehmen müssen. Seine Kollegen – wie er sie nannte – hatten die schön hinten in seinem LKW untergebracht. Es war zwar heiß gewesen, aber sie hatten ein paar Wasserflaschen hinterhergeworfen. Zwei Mal wären sie fast in eine Polizeikontrolle geraten. Aber er kannte die Ausweichrouten. Das machte ihm keine Sorgen mehr.

Er hatte sich eingeschissen. Seine Wangen glühten, weil es ihm peinlich war. Er fühlte sich wie ein wildes Tier. Nein schlimmer. Er, der in seiner Heimat Zahnarzt gewesen war, hatte sich in einem Lastwagen, nein, einem verfluchten Käfig eingeschissen. Die Wut packte ihn, aber sofort bekam er Atemnot. Jemand schrie, dass ein anderer tot sei. Er fühlte sich zu schwach, um zu antworten. Er nickte. Er hatte Hunger. Und dieser Durst. Mindestens einen Tag hatte er nichts mehr zu trinken gehabt. Und es gab andere, denen es noch schlechter ging. Immer noch schlug der alte Mann mit all seiner verbliebenen Kraft gegen die Wand vor ihm und andere begannen, es ihm gleich zu tun. Von draußen war kein Ton zu vernehmen. Er begann bitterlich zu weinen.

Während der Mann genüsslich aß, erkundigte er sich nach der gemeinsamen Tochter. Sie war sein ein und alles. Nach dem Mahl wollte er sie unbedingt noch einmal in ihrem Bettchen ansehen. Sein Herz schmolz dahin, wenn er die kleinen Kinderbäckchen sah. Ja, für die Kleine und seine Frau musste er stark sein. Irgendwer musste schließlich das Geld verdienen. Machte er diesen Job nicht, würde ein anderer damit Geld verdienen. Viel Geld. Wenn er sich das lange genug sagte und ein wenig dazu trank, glaubte er es sogar. Bis zum nächsten Morgen. Manchmal. Heute war aber alles glatt gegangen. Wie verabredet hatte er den LKW auf den großen, anonymen Rastplatz gestellt, ein anderer Fahrer würde die Fracht übernehmen und die restlichen eintausend Kilometer angehen. Der brachte dann auch etwas Wasser und Brot für die Leute mit. Die sollten ja auch nicht wie Tiere leben.

Die Panik, die sie während der Fahrt so oft mühevoll unterdrückt hatten, war nun vollends ausgebrochen. Eine Frau hatte ihr Kind erwürgen wollen, weil sie keinen Ausweg mehr gesehen hatte. Ein andere Frau hatte sie daraufhin mit einer Eisenstange geschlagen – woher die Stange stammte, wusste keiner. Und diese Hitze. Sie war…wellenartig. Und mit jeder Welle spürte, wie das Leben aus ihm zu weichen drohte. Immer lauter wurden die Klagelaute. Die, die noch Kraft hatten, schrien aus Leibeskräften um ihr Leben, hauten um sich und krallten sich in Todesangst an den Nachbarn.

Zehn Stunden später war es still. Ein einzelner LKW stand irgendwo auf einem Rastplatz. Der zweite Fahrer war nie aufgetaucht. Er hatte einen anderen Übergabeort notiert und war aus Angst, seinen ersten Job zu vermasseln, einfach untergetaucht. Feierabend.

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