Past Pitches: Rise of the Argonauts

Dieses Spiel wird Euer hellenistisches Weltbild erschüttern! Wirbelt als entschlossener Noch-Nicht-Witwer Jason zusammen mit den Großgestalten Herkules, Medusa und Co die griechische Sagenwelt auf der Suche nach dem goldenen Vlies durcheinander und erlebt ein blutiges, in besten Momenten äußerst anderes Abenteuer.

Crytek sollte sich einmal eingehender mit der Nibelungensage beschäftigen – da könnte etwas Großes passieren! Doch wir wollen das Pferd nicht von hinten aufsäumen. Die griechische Sagenwelt diente in der jüngeren Videospielgeschichte immer wieder als Hintergrund für ambitionierte Projekte. Dies klappte mal besser, siehe das solide „Spartan – Total Warrior“ oder das überragende „God of War“ und mal schlechter – ein Blick auf die Versoftung von „300“ genügt. Unabhängig vom qualitativen Resultat scheint es den Programmierern einfach Spaß zu machen, sich bei den antiken Geschichten zu bedienen: die Welt, die sie dort vorfinden ist wie ein überreich gedeckte Tafel voller dramaturgischer Möglichkeiten. Die stete Interaktion und Vermischung von Menschen- und Götterwelt und die damit einhergehende Palette an Emotionen wie Liebe und Hass oder Eifersucht und Großzügigkeit scheinen die Kreativität der Coder zu befeuern. Auflehnung, Verrat, Intrige, Männerfreundschaften und Ehre: Das scheint der Stoff, aus dem antike Spieleabenteuer geschnitzt sind.

Eine üppige Griechenmelange, ein Best-of-Sagenwelt, bekommt der Spieler auch mit „Rise of the Argonauts“ geboten. Er übernimmt die Rolle von Jason, König der griechischen Insel Iolkos. Zu Beginn der Geschichte scheint Jason von allem reichlich zu haben – ein florierendes und friedliches Königreich, den Respekt der Untertanen und die Liebe von Alkmene, seiner wunderschönen Braut. Dieses traumhafte Idyll wird jedoch gemeinst zertrampelt, als Alkmene am Hochzeitstag dem Pfeil eines Meuchelmörders der Blacktongues zum Opfer fällt. In seiner Pein schwört Jason, alles auf sich zu nehmen, um sie zurückzubringen. Er hört vom legendären Goldenen Vlies auf der verlorenen Insel von Kolchis, das angeblich Tote zum Leben erwecken kann. Voller Sehnsucht nach seiner Geliebten begibt sich Jason mit den berühmtesten Helden der griechischen Mythologie, den Argonauten, auf die Suche nach dem Goldenen Vlies. Eine Reise epischen Ausmaßes steht ihm bevor, auf der er mythische Begleiter um sich schart, fürchterliche Kreaturen bekämpft und sich einer dunklen Prophezeiung stellen muss, welche die Ursache allen Übels ist.

Eines vorweg: „Rise of the Argonauts“ ist kein klassisches Rollenspiel und es stände den Verantwortlichen gut zu Gesicht, dies nicht immer wieder in Presse und Öffentlichkeit zu leugnen: Das Spiel hat weder den zeitlichen Umfang (Spieldauer etwa 15 Stunden), noch die Item-Verwaltung oder komplexe Level-Up-System zu bieten. Andererseits: Das braucht es auch gar nicht. Der Einsteigerschwierigkeitsgrad bietet ein unterhaltsames Action-Rollenspiel, welches vor allem gegen Ende genug Hack and Slay anbietet, um auch die Gorehounds zufrieden zu stellen. Entsprechend erhielt das Spiel auch keine Jugendfreigabe: optisch recht lustvoll in Szene gesetzt wirken die Enthauptungen und Zweiteilungen durch den entschlossenen König Jason, der stets an einen mächtig übertrainierter Kevin Kuranyi erinnert. Diese schweren Hiebe, die den Gegner Kopf und Gliedmaßen kosten, sind nicht nur in Zeitlupe inszeniert, sondern werden zudem von einem satten, fleischigen Sounddesign begleitet, dass sogar dem ortsansässigen Metzger Hören und Sehen vergeht. Die Steuerung im Kampf geht recht einfach von der Hand: neben leichtem und schwerem Schlag mit Schwert, Speer und Keule kann zusätzlich geblockt und ausgewichen werden. Bestimmte Taten, wie etwa das Töten einer bestimmten Anzahl von Gegnern oder das Schlichten eines Streites, kann der Jason den vier Göttern Apoll, Athene, Hermes und Ares, die die Reise des Argonauten begleiten, widmen. Im Gegenzug bekommt er von Götterseite Spezialfähigkeiten zugesprochen – und es macht richtig Spaß zu taktieren. Welchem Gott soll man wie viel widmen? Welche Fähigkeiten springen für mich dabei heraus? Was werden mir diese im Kampf um meine Frau bringen?

Die Unreal-Technologie sorgt für einen gewaltigen Bilderrausch in Sachen Style und Farbpalette, die „verbaute“ Levelarchitektur ist abwechslungsreich und hübsch anzusehen. Leider ist die Umwelt nicht mit sonderlich viel Leben gefüllt: Alles wirkt recht steril und die fehlenden Interaktionsmöglichkeiten fallen negativ auf. Charaktere, die nicht einmal über kleine Kiesbrocken hinwegsteigen oder springen können, sollten 2008 nicht mehr den Bildschirm betreten. Weitere Abzüge bei der Technik gibt es zuhauf: Lippensynchronität wird selten erreicht, die Gesichtsanimationen wirken botoxartig eingeschränkt und nicht nur einmal plagen heftige Ruckelattacken das Spielgeschehen. Seltener treten zum Glück Kameraprobleme auf, die zu Verwirrung in Kampfsituationen beitragen. Ein großes Manko stellt die Übersichtskarte dar, die nicht in das Spielgeschehen integriert werden kann – dies sorgt dafür, dass man sich regelmäßig in Flora und Fauna verläuft und umständlich das Pausenmenü aufrufen muss, um dort die Landschaftskarte zu studieren. Die Xbox 360 Spieler müssen sich zudem auf längere Ladezeiten einstellen.

Dennoch: „Rise of the Argonauts“ hat Charme. Das liegt hauptsächlich am Skript. Nicht, dass die postmodern zusammengeschraubte Gesamtgeschichte um die Wiederbelebung der Gattin eine großartige Neuerfindung sei, nein, es geht viel mehr um die Art, wie Personen durch Taten und Sprechakte dargestellt und gleichzeitig charakterisiert werden. Der eitle und selbstverliebte Achilles, das dozierende Fabelwesen Pan oder die selbstbewusste Atalante – ihnen allen haucht das Skript mit wenigen, aber sehr pointierten Sätzen das Leben ein, das ihren Gesichtern aufgrund der Technik fehlt. Der Höhepunkt dieses ungewohnten Treibens ist ein philosophischer Disput, dem sich der Spieler im letzten Drittel des Spiels stellen muss. Der gleichsam rhetorische Wettbewerb muss kontextsensitiv geführt werden und fragt durchaus andere Fähigkeiten beim Spieler ab als den schnellen Schwertstreichdaumen.

Fazit

„Rise of the Argonauts“ hat mich äußerst positiv überrascht und sorgte an einer bestimmten Stelle sogar für ein „Das-habe-ich-so-noch-nie-erlebt-Gefühl“. Aufgrund der oftmals sehr humorvollen, aber auch ausgefallen-pathetischen Dialoge macht der Titel Spaß, jedoch auch die Actionanteile wissen zu befriedigen. Über die technischen Mängel und die kurze Spielzeit sieht man da gerne hinweg, vor allem wenn man von einer solch reizenden Score begleitet wird. Einzig der fehlende Coop-Modus stößt bitter auf: zusammen als Argonauten mit dem Titanengesindel den Boden aufzuwischen, wäre eine Freude gewesen.

Publisher Codemasters

Entwickler Liquid Entertainmnt

Genre Action RPG

 

Wissenswert

Positiv

Liebevolle und imposante Inszenierung

Packendes Level-Up System

Humorvolle und interessante Dialoge

Negativ

Kurze Spieldauer

Fehlende Interaktionsmöglichkeiten

Kein Coop-Modus

Immer wieder auftretende Ruckler

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